Stolpersteine Ulm
Stolpersteine Ulm

ROBERT WEIGELE
JG. 1897
EINGEWIESEN 1922
HEILANSTALT SCHUSSENRIED
´VERLEGT`18.6.1940
GRAFENECK
ERMORDET 18.6.1940

Robert Weigele

Robert Weigele war das dritte Kind der Eheleute Robert Weigele und dessen Frau Franziska Weigele geborene Breuling. Sie heirateten am 21.11.1891 in Ulm und zogen bereits im folgenden Jahr nach Neu-Ulm. Robert Weigele kam am 08.09.1897 in Neu-Ulm zur Welt [1]. Der Vater Robert Weigele war von Beruf Maurer. Über eine Berufstätigkeit der Mutter ist nichts bekannt. Die Familie blieb zunächst in Neu-Ulm, zog aber dort im Durchschnitt

Löfflerstraße 2 (linke Hausecke). Bildrechte Stadtarchiv Ulm

alle zwei Jahre um [2]. Nach ca. acht Jahren zog die Familie dann im Jahr 1906 [3] nach Ulm, also ins Württembergische zurück. Auch hier sind wieder mehrere Adressen bekannt, jedoch lückenhaft, da die Meldekartei im Krieg verloren ging. Seit 1920 wohnte die Familie in der Löfflerstraße 2.

Mathilde Weigele, die älteste Tochter, heiratete am 16. April 1921 in Ulm und zog dann mit ihrem Mann nach Neckarsulm, wo sie ein Jahr später eine Tochter zur Welt brachte. Dort lebte sie auch bis an ihr Lebensende.

Über den Bruder Karl Weigele gibt es keine weiteren Informationen, jedoch ist bekannt, dass er in den Ardennen in Frankreich im 1. Weltkrieg verletzt wurde und am 19.07.1915 in Ulm an seinen Kriegsverletzungen verstarb.

Beim ersten Aufenthalt von Robert Weigele an der Universitätsklinik in Tübingen lebte die Familie in Ulm und war dort auch sicher bis zum Tod des Vaters wohnhaft. Weitere Informationen, die zum außerfamiliären Leben der Familie bekannt sind, sind die Berufstätigkeit des Vaters als Maurer, die der Schwester als Verkäuferin sowie die Berufstätigkeit von Robert Weigele selbst, als Schreibgehilfe in der Ratsschreiberei in der Geschäftsstelle Söflingen. Somit ist bekannt, dass die Familie in die Gesellschaft eingebunden war. Es lässt sich erschließen, dass die Familie angesichtsdes Gesundheitszustands von Robert Weigele den allgegenwärtigen Empfehlungen nachgekommen ist und ihn bei einem Arzt vorstellten [4].

Robert Weigele wurde in seiner Krankenakte als ein kleiner hagerer Mann beschrieben. Es wurde notiert, dass er ca. 140 cm groß war und etwa 43 kg wog. Weiter konnte entnommen werden, dass er bei seiner ersten ärztlichen Vorstellung in Tübingen, welche am 03.12.1919 stattfand, 22 Jahre alt war. Dort wurde er freiwillig durch die Familie vorgestellt mit folgenden Symptomen: Schlaflosigkeit wegen Albträumen, Appetitlosigkeit; des Weiteren gab er an, dass er zeitweise nichts hören oder auch nichts sehen könne. Er selbst ging davon aus, dass er Krebs habe. Dies machte er an seiner großen Nase fest. Nach sechs Tagen wurde er ungeheilt wieder nach Hause zu seinem Vertrauensarzt entlassen.

Bereits am 30.05.1920 folgte ein längerer Aufenthalt in der Heil- und Pflegeanstalt Schussenried. Zu diesem Aufenthalt konnte noch das Entlassungsdatum erforscht werden, welches am 15.08.1920 war.

Danach lebte er vermutlich wieder bis zum 26.07.1922 in Ulm bei seiner Familie, es gab zumindest keine Adressenänderung. Am 27.07.1922 kommt es zu einer erneuten Aufnahme in der Klinik in Schussenried. Diesmal gibt es kein Entlassungsdatum mehr, lediglich eine Verlegungsmittteilung „nach unbekannt“ am 18.06.1940.

Mit dieser Verlegungsmitteilung in seiner Karteikarte und dem Abgleich mit der Verlegungsliste von Schussenried kann auch sein "richtiges" Todesdatum belegt werden. In der späteren Todesurkunde wird der 14.07.1940 in Grafeneck als sein „offizielles“ Todesdatum festgelegt.

Sein Leben endete somit im Alter von 42 Jahren am 18.06.1940 in Grafeneck in der Gaskammer - mit 73 anderen Männern aus der Heil- und Pflegeanstalt Schussenried. Robert Weigele war an diesem Tag nicht der einzige aus Ulm.

Aufgrund der Informationen aus der Krankenakte kann angenommen werden, dass Robert Weigele als schizophren galt. Dies war auch auf einer Karteikarte zu lesen (Universitätsklinik Tübingen). Die tatsächliche Ursache für die psychische Erkrankung von Robert Weigele lässt sich heute aufgrund der aktuellen Datenlage nicht mehr rekonstruieren. Dennoch kann davon ausgegangen werden, dass er nicht immer schon als psychisch krank galt, sonst wäre nicht 1919 in seiner Krankenakte der Beruf des Schreibgehilfen in der Städt. Ratsschreiberei notiert worden.

Da nach dem Aufenthalt in der Tübinger Universitätsklinik einige Monate vergangen waren, bis er dann das erste Mal nach Schussenried kam, ist davon auszugehen, dass er zunächst aus medizinischer Sicht nicht besonders stark erkrankt war. So beschreibt ihn auch der Arzt der Universitätsklinik Tübingen mit den Worten: „der ruhige und eher schüchterne Patient […]“. Jedoch kann sich sein Zustand nicht deutlich verbessert haben, da er dann erneut in Schussenried vorgestellt wurde und dort verblieb. Da die Krankenakte von Schussenried nicht mehr im Archiv aufzufinden sind, kann davon ausgegangen werden, dass diese durch die Täter bei der Ermordung vernichtet wurde. Somit kann nicht nachvollzogen werden, ob er in einem der Aufenthalte zwangssterilisiert wurde und auch nicht näher geklärt werden, warum es zu den zwei Aufenthalten in Schussenried kam. Eine Vermutung kann sein, dass die Eltern ihm „helfen“ wollten. Was schlussendlich mit Robert Weigele passierte, hat sein Vater nicht mehr erfahren, da dieser bereits am 23.06.1928 verstorben ist. Über die Mutter sind keine weiteren Informationen bekannt. Es lässt sich aus dem Familienregister schließen, dass sie nach ihrem Mann verstorben ist, da es sonst vorher zu einem Eintrag gekommen wäre. Aus der Todesurkunde des Vaters ist zu entnehmen, dass sein Tod durch die Tochter Mathilde Spriesling geb. Weigele gemeldet wurde. Jedoch konnten Informationen zur tatsächlichen Ermordung von Robert Weigele erforscht werden, welche sich mit unterschiedlichen Quellen belegen lassen.
Es waren am 18. Juni 1940 75 Männer in Grafeneck angekommen und durchliefen das für Grafeneck übliche Prozedere. Einer davon war Alfred N. Es gibt keine weiteren Daten zu seinem Namen. Er befand sich bereits mit den Anderen in der Gaskammer, als ein Anruf in Grafeneck ankam. Seine Mutter, die ihren Sohn am gleichen Tag in Schussenried besuchen wollte, hatte von dem Abtransport erfahren und ein Telegramm an Hitler geschrieben. Es wäre Unrecht, ihren Sohn in Grafeneck zu ermorden, da seine Behinderung auf den Einsatz im 1. Weltkrieg zurückzuführen sei. Sie schrieb, dass sie es publik machen würde, was in Grafeneck passiere, wenn ihr Sohn ermordet werden würde. Sie erhielt eine Nachricht, in der beteuert wurde, dass der Führer nichts davon wüsste. Ihr Sohn ist am Abend wieder in Schussenried angekommen. Er berichtete dort, dass er bereits mit allen anderen in einem Waschraum gewesen war [5].

Es handelt sich hierbei um ein einmaliges Vorkommnis, welches schlussfolgern lässt, dass die Ermordung von Robert Weigele und der anderen Opfer nicht „reibungslos“ vonstattenging.

  1. Familienregister Stadt Neu-Ulm, Familienregister [A1, 7041]
  2. Anhand der Adressbücher konnten die Wohnadressen der Familie Weigele nachvollzogen werden und dass die Familie ab 1892 ca. alle 2 Jahre innerhalb Neu-Ulms umgezogen ist: Kasernstr. 14, Insel 8, Donaustr. 23, Stadtgasse 6, Maximilianstr. 9, Moltkestr. 11
  3. Siehe Familienregister der Stadt Neu-Ulm
  4. Staatsarchiv Ludwigsburg Krankenakte Robert Weigele Signatur F235 III
  5. Hermann Josef Pretsch: „Euthanasie“: Krankenmorde in Südwestdeutschland. Die nationalsozialistische „Aktion T4“ in Württemberg 1940 bis 1945. 1996, S. 79–80

Autor*in(nen): Mareike Weigele