Stolpersteine Ulm
Stolpersteine Ulm

MATHILDE PRINZING
JG. 1888
EINGEWIESEN 1917
HEILANSTALT WEISSENAU
´VERLEGT` 20.8.1940
GRAFENECK
ERMORDET 20.8.1940

Mathide Prinzing

Die Geschichte von Mathilde Prinzing zeigt, mit welcher Härte und Unnachgiebigkeit die Nationalsozialisten die T4-Aktion zum Auslöschen von „minderwertem“ Leben durchführten. Entgegen anderslautenden Behauptungen war es selbst für Familien mit guten Verbindungen zum Machtapparat nicht möglich, dies abzuwenden.

Mathilde Prinzing kam als zweites von drei Kindern des Arztes Dr. Friedrich Prinzing und seiner Frau Henriette Sophie am 20. August 1888 in Ulm zur Welt. Laut ihrem Vater hat sie in der Schule „gut gelernt und war in Gesellschaft sehr beliebt“ [1]. Ihre Brüder Fritz und Oskar wurden Ärzte. Fritz war bis 1939 auch amtsärztlicher Vertreter des Leiters des Gesundheitsamts beim in der Zeit des Nationalsozialismus etablierten Erbgesundheitsgericht in Ulm [2], das sich mit Fragen der Sterilisation von Behinderten und psychisch Kranken beschäftigte. Auch der Frauenarzt Oskar Prinzing befürwortete die Sterilisation in bestimmten Fällen. Der 1935 in die NSDAP eingetretene Fritz Prinzing wurde in einem Spruchkammerverfahren nach dem Krieg als Minderbelasteter eingestuft.

Judenhof 1 (Bildrechte Stadtarchiv Ulm)

Die in der gut situierten Familie aufgewachsene Mathilde machte keine Ausbildung, meldete sich aber zu Beginn des Ersten Weltkrieges für Hilfsdienste beim Roten Kreuz, für das sie zunächst im Vereinslazarett in Ulm arbeitete. Schon bald kam sie als Hilfsschwester an der Ostfront zum Einsatz – erst in den Karpaten, dann im Offiziersgenesungsheim in Brest-Litowsk. Ab November 1915 „harmonierte sie nicht mehr“ mit der dortigen Oberschwester und ihre Briefe fielen durch einen depressiven Inhalt auf. Im Januar 1916 kam sie nach Ulm zurück und war, anders als früher, ängstlich und häufig erregt, „merkwürdig religiös und voller depressiver Ideen“ [3]. Als sich ihr Verhalten auch durch eine Kur mit ihrer Mutter in Oberstdorf nicht besserte und sie zudem mehrfach versuchte, sich das Leben zu nehmen, wurde sie Ende Februar 1916 im Alter von 27 Jahren in die Universitäts-Nervenklinik Tübingen eingewiesen.

Die Aufzeichnungen in der Krankenakte bestätigten die Beobachtungen der Eltern und der Vorgesetzten an der Front. Erhaltene Kurzbriefe von ihr an die Eltern, unterzeichnet mit „Tilde“, zeigen anderseits die Fähigkeit zum Schreiben und zur Äußerung von Gefühlen wie z.B. der Sehnsucht nach der Familie. Da sich ihr Leiden nicht besserte und sie nach längeren apathischen Phasen immer wieder ein gefährliches Verhalten gegenüber anderen und sich selbst zeigte, wurde sie im April 1917 in die Heilanstalt Weissenau überwiesen. Ihr Zustand blieb sehr wechselhaft.Die Familie hielt guten Kontakt zu ihr. Nach dem Tod des Vaters im Januar 1938 wurde ihr Bruder Fritz als ihr Vormund eingesetzt und ihr Bruder Oskar als dessen Stellvertreter.

Am 11. September 1940 erhielt Oskar Prinzing stellvertretend für seinen Bruder (der ab 1939 als Wehrmachtsarzt aktiv an der Front war), die Mitteilung, dass seine Schwester am 9. September von Weissenau in eine andere Anstalt verlegt worden sei. Da er als Arzt wohl um die Bedeutung der sogenannten „Verlegungen“ aus Heilanstalten und die danach erfolgten Tötungen wusste, schrieb er umgehend an das Innenministerium in Stuttgart und bat, seine Schwester bei der Durchführung solcher Maßnahmen „auszunehmen“ [4].

Doch Mathilde Prinzing war bereits am 20. August 1940 in einem Sammeltransport von der Anstalt Weissenau abgeholt und in die Tötungsanstalt Grafeneck gebracht und dort ermordet worden. Ihre Angehörigen erhielten die gefälschte Mitteilung, sie sei am 26. September 1940 in Brandenburg verstorben [5]. Im Geburtenbuch Ulm findet am Ende der Seite, auf der Mathilde Prinzings Geburt dokumentiert ist, der Vermerk: „Verstorben am 26.9.1940 (...) Grafeneck“. Doch der Sterbeort Grafeneck ist durchgestrichen und mit „Brandenburg II“ überschrieben [6].

  1. BArch R179 – 24550, Krankenakte Prinzing, Mathilde.
  2. Walter Wuttke: „O, diese Menschen“. Das Leben in der Ulmer Anstalt „Oberer Riedhof“ im Nationalsozialismus. Blaubeuren 2005, S.66f.
  3. BArch R179 – 24550, Krankenakte Prinzing, Mathilde.
  4. Wuttke 2005, S. 94. Dort ist der ganze Brief von Oskar Prinzing abgedruckt: „Ich weiss, was das bedeutet. Ich nehme an, dass von der Durchführung dieser Anordnung Ausnahmen zulässig sind und ich bitte dringend, im Falle meiner Schwester eine solche Ausnahme zu machen aus folgenden Gründen: 1) Meine Schwester steht trotz der langen Krankheitsdauer immer noch in teilweisen Beziehungen zur Außenwelt und ich kann mir nicht vorstellen, dass es der Sinn der Anordnung ist, solche unglücklichen Menschenkinder, die auch nur einen Funken von Verständnis und Erinnerungsvermögen haben, zwangsweise aus der Welt scheiden zu lassen. 2) Es ist selbstverständlich, dass meine 75-jährige Mutter auch heute noch mit großer Liebe an ihrer Tochter hängt und dass es ihren Gesundheitszustand aufs schwerste erschüttern muss, wenn sie erfährt, dass ihre Tochter auf dieser Weise gestorben ist. Über die Auswirkungen dieses Geheimverfahrens auf die Gemütsverfassung der Angehörigen brauche ich mich wohl nicht zu äußern. Dafür muss jedermann, der ein bisschen menschliches Gefühl hat, Verständnis haben. Wenn eine derartige Maßnahme notwendig erscheint, dann sollte sie nicht im Geheimen und nicht mit irreführenden ärztlichen Mitteilungen an die Angehörigen durchgeführt werden, weil dies begreiflicher Weise große Erbitterung hervorrufen muss. Ich bitte, mir auf mein Gesuch baldmöglichst Bescheid zukommen zu lassen.″
  5. Gudrun Silberzahn-Jandt/Josef Naßl: Gedenkbuch für die Ulmer Opfer von NS-Zwangssterilisation und „Euthanasie“-Morden. Ulm, 2020, Abb.S.143.
  6. StadtA Ulm, Geburtenbuch Ulm 1888/Nr. 556.

Quellen

Kopien des Inhalts der Krankenakte für Mathilde Prinzing aus dem Bundesarchiv und die Seite für Mathilde Prinzing des Geburtenbuchs Ulm sind im Archiv des DZOK digitalisiert einsehbar. Wir danken Karin Jasbar und Angelika Liske für ihre Vorarbeit in der Erstellung dieses Texts.

Autor*in(nen): Karen Schimpff, Mark Tritsch