Stolpersteine Ulm
Stolpersteine Ulm

EMMA STERN
JG. 1870
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
1942 TREBLINKA
ERMORDET

HUGO STERN
JG. 1879
DEPORTIERT 1942
IZBICA
ERMORDET

Familie Stern

Die Eltern von Emma und Hugo Stern stammten aus Laupheim. Dort hatten ihr Vater, der Kaufmann Martin Stern und ihre Mutter Jeanette, geborene Löwenthal am 26. Oktober 1869 geheiratet. Danach zogen sie nach Ulm, wo sie zuerst in der Münsterstraße 161 wohnten.

Dort kam am 1. August 1870 EmmaStern als ältestes von sieben Kindern, die bis auf Emma und ihre Brüder Max und Hugo schon kurz nach der Geburt starben,zur Welt.Am 25. Januar 1875 wurde ihr BruderMax Stern geboren. Als Hugo Stern am 20. Mai 1879 zur Welt kam, war die Familie inzwischen in der Frauenstraße 211 umgezogen.Weitere Umzüge erfolgten von der Frauenstraße in die Kronengasse 96, dann in die Syrlinstraße 17, in den Frauengraben 18 und schließlich in die Syrlinstraße 14 im Jahr 1898.

Ihr Vater Martin Stern hatte sich in Ulm über die Jahre erfolgreich eine Agentur für Versicherungen sowie für Immobilien- und Hypothekengeschäfte aufgebaut, die sich nun auch in der Syrlinstraße 14 befand. Nach Abschluss der Schule entschied sich Hugo Stern für den Beruf des Immobilienmaklers und Versicherungsagenten, um vermutlich in der Agentur seines Vaters mitzuarbeiten, auch Max Stern arbeitete in der väterlichen Agentur mit.

Dann verstarb ihre Mutter Jeanette Stern, gerade 52 Jahre alt geworden am 27. Juni 1898. Nachdem Tod der Mutter hatte Emma, die nach ihrem Schulabschluss keinen Beruf erlernte und unverheiratet blieb, die Haushaltsführung für die Familie übernommen.

Max Stern verließ für einige Jahre Ulm, lebte in Köln und heirate dort am 1. Mai 1906 die katholische Katharina Bruland, mit der er einen Sohn namens Max hatte, der am 9. Juli 1910 in Köln geboren wurde. Die Ehe wurde nach acht Jahren am 20. Mai 1914 geschieden und er kehrte nach Ulm zurück.

Inzwischen war auch ihr Vater Martin Stern am 27. März 1905 verstorben, dessen Agentur Hugo Stern fortführte und am 5. August 1909 auf seinen Namen eintragen ließ. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurde er Soldat im Reserve-Infanterieregiment 120. Sein Bruder Max vertrat ihn in dieser Zeit geschäftlich. Nach dem Ende des Krieges kehrte Hugo nach Ulm zurück und nahm seine geschäftliche Tätigkeit wieder auf. Die wirtschaftliche Entwicklung und die Inflation zwangen ihn 1920 die Agentur zu verkleinern und seinem Bruder Max zu kündigen.

Max Stern hatte inzwischen am 4. Januar 1919 die evangelische Dorothea Julie Nuffer wieder geheiratet, mit der er zusammen 3 Kinder hatte und in der Sattlergasse 18 wohnte. Nachdem er die Agentur seines Bruders verlassen musste, gelang es ihm trotz großer Bemühungen nicht mehr, beruflich wieder richtig Tritt zu fassen. Zudem verlor er in der Inflation 1923 sämtliche Ersparnisse und hatte daher finanziell große Probleme. Er trat später vom Judentum zum Katholizismus über und kehrte am 24. Juli 1936 den Kirchen ganz den Rücken.

Die Geschwister Stern, Emma und Hugo, der auch ledig blieb, waren in der Nachbarschaft vor allem bei den Kindern sehr beliebt, da sie oft kleine Besorgungen erledigen ließen und dafür sehr großzügig mit Trinkgeld waren, was ein ehemaliger Nachbar 2005 bezeugte. Welche Gedanken sich Hugo Sternnach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten machte, zeigt eine kleine Begebenheit im Frühjahr 1933: Hugo Stern begegnete Erika Großmann, die er über den mit ihm befreundeten Otto Großmann vom Bund der Kaufleute kannte auf der Straße. Er wechselte die Straßenseite und Erika, sich fragend warum, auch. Sie fragte ihn warum. Und er sagte zu ihr: „Erika, du musst ab jetzt so tun, wenn du mich siehst, als ob du mich nicht kennst, damit du keine Schwierigkeiten bekommst.“

In der Reichspogromnacht vom 9. auf 10. November 1938 wurde Hugo Stern aus seiner Wohnung geholt, auf dem Weinhof misshandelt und dann vom Gefängnis in der Griesbadgasse am 11. November 1938 mit anderen jüdischen Männern in das Konzentrationslager Dachau gebracht, wo die Demütigungen und Misshandlungen weiter gingen. Hugo Stern wurde am 12. Dezember 1938 wie auch andere ehemaligen „Frontkämpfer“ entlassen. In den folgenden Monaten wurde er dazu gedrängt, seine Agentur aufzugeben. Am 22. April 1939 wurdesie im Handelsregister gelöscht, dafür musste er auch noch 26.- Reichsmark bezahlen. Seine wirtschaftliche Lage verschlechterte sich so sehr, dass sie Mitte 1940 ihre Wohnung in der Syr­-linstraße 14 aufgeben mussten und völlig mittellos auf die Unterstützung der jüdischen Wohlfahrtspflege angewiesen waren.

Max Sternlebte 1939 getrennt von seiner Frau im Federmannweg 3 in Ulm. Die Stadtverwaltung Ulm forderte ihn auf, wieder zu ihr zu ziehen, damit sein Wohnraum ‚Ariern‘ zur Verfügung gestellt werden könne. Am 1. Juni 1940 zog er in den dritten Stock des ‚Judenhauses‘ Schuhhausgasse 9. MaxStern wurde am 28. November 1941 nach Stuttgart gebracht. Am frühen Morgen gegen 3 Uhr des 1. Dezembers 1941 wurden die Juden zum Nordbahnhof gebracht.Die Fahrt in überfüllten Passagierwaggons dritter Klasse nach Riga dauerte drei Tage, Ankunft am Bahnhof Skirotava war am 4. Dezember. Die Württemberger Juden kamen zuerst nicht in das Rigaer Ghetto, da die SS mit den Erschießungen der baltischen Juden noch zugange war, sondern in das Gut Jungfernhof, 1500 m vom Ankunftsbahnhof entfernt. In den darauffolgenden Tagen kamen noch Tausende Juden aus Hamburg, Nürnberg und Wien an. Unter entsetzlichen Bedingungen in überfüllten Unterkünften mussten sie dort den gesamten Winter verbringen, wobei viele von ihnen starben. Am 26. März 1942 wurden im Wald Bikernieki bei Riga 1.600 „arbeitsunfähige“ Erwachsene und Kinder, darunter alle Mütter mit ihren Kindern, erschossen. Unter ihnen befanden sich auch mehrere Hundert Juden aus diesem Transport. Auch der Max Stern wurde dort ermordet.

Hugo Sternwurde am 26. April 1942 aus dem Sammellager Killesberg über den Stuttgarter Nordbahnhof nach Izbica deportiert,das ein Durchgangslager in die Vernichtungslager Belzec, Majdanek und Sobibor war.Die Fahrt nach Izbica dauerte drei Tage und sie kamen am 29. April an. Es ist nicht bekannt, wie viele Juden aus diesem Transport in das Ghetto kamen und wie viele in die Vernichtungslager weitertransportiert wurden, wo sie sofort in Gaskammern ermordet wurden. Im Ghetto herrschten schlimmste Zustände: Überfüllung, ständiger Hunger, entsetzlich unhygienische Bedingungen und eine brutale Behandlung durch SS-Wachen. Das Gepäck der Deportierten wurde ihnen nicht ausgehändigt, was die Situation durch den Mangel an Kleidung und anderen Dingen noch verschlechterte. Hugo Stern war 62 Jahre alt.Von all den Juden, die auf diesen Transport nach Izbica geschickt wurden, überlebte niemand den Holocaust.

Emma Stern musste, nachdem sie die Wohnung in der Syrlinstraße 14 aufgeben mussten, in das jüdische Altersheim in Laupheim umziehen. Von dort wurde sie am 22. August 1942 über den Stuttgarter Nordbahnhof nach Theresienstadt deportiert. Am 26. September 1942 erfolgte die Deportation nach Treblinka.Der Transport ist im Tagesbefehl des Ältestenrats vom 23. September 1942 angeführt, der vorgabder Zug fahre in ein anderes Ghetto. Am 25. September musste jeder betroffene Häftling seine bzw. ihre verbliebenen persönlichen Dinge packen. Der Transport mit der Bezeichnung “Br” verließ Theresienstadt am 26. September 1942 und war der vierte einer Reihe von acht Transporten mit kranken und alten Juden (“Alterstransporte”). Auf dem Transport befanden sich 2004 Häftlinge aus Theresienstadt, darunter auch die 72-jährigeEmma Stern. Am Transporttag marschierten die Häftlinge oder wurden mit LKW zur Bahnstation gefahren, etwa 3 Km außerhalb des Ghettos, wo sie in die bereits wartenden Zugwaggons gezwängt wurden. Einem Augenzeugenbericht zufolge starben einige kranke und alte Häftlinge auf dem Weg zur Bahnstation, diese seien aber trotzdem in den Zug geladenworden,um die Transportquote zu erreichen.Der Deportationszug erreichte Treblinka am 28. oder 29. September 1942. Von den 2004 Juden, die sich auf diesem Transport befanden, hat niemand überlebt.

Quellen

  • Ingo Bergmann, Und erinnere dich immer an mich, Gedenkbuch für die Ulmer Opfer des Holocaust, Ulm 2009
  • Adressbücher der Stadt Ulm
  • Stadtarchiv Ulm
  • Heinz Keil, Dokumentation über die Verfolgungen der jüdischen Bürger von Ulm/Donau, 1961
  • Arolsen Archives
  • Yad Vashem
  • Hauptstaatsarchiv Stuttgart
  • Handelsregisterakten Staatsarchiv Ludwigsburg

Bildrechte: Stadtarchiv Ulm, Arolsen

Autor*in(nen): Volker Schumacher