FANNY NATHAN
GEB. HEUMANN
JG. 1858
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 8.9.1942
SARA NATHAN
JG. 1881
DEPORTIERT 1942
IZBICA
ERMORDET
Familie Nathan
Fanny Nathan, geborene Heumann, wurde am 17.4.1858 in Laupheim geboren. Sie war das jüngste Kind von Josef und Marianne Heumann. Der Vater war in Laupheim ein bekannter Hopfenhändler. Ihre Mutter ist ein Jahr nach ihrer Geburt am 2. Mai 1859 verstorben, sodass sie ohne ihre leibliche Mutter aufwachsen musste. Ihr Vater heiratete dann aber ein zweites Mal.
Sie selbst heiratete am30. April 1877 mit 19 Jahren den Laupheimer Kaufmann Samuel Nathan (geb. 21.12.1850). Sie hatten gemeinsam drei Kinder: Alfred (geb. 4.2.1878), Hugo (geb. 20.5.1879) und Sara (geb. 24.4.1881). Die junge Familie musste bald einen frühen Schicksalsschlag verkraften, da der erste Sohn Alfred nur wenige Monate lebte und am 15.6.1878 verstarb. Wie viele andere Laupheimer im 19. Jahrhundert ist die Familie Nathan am 2.12.1897 in das wirtschaftlich prosperierende und aufstrebende Ulm gezogen. Samuel Nathan war dort als Getreidehändler tätig und ist mit gerade einmal 62 Jahren am 9.4.1913 früh verstorben.

Die Familie lebte bei der Ankunft in Ulm zunächst in der Sattlergasse 6, dann von 1900 bis 1907 im Hafenbad 6 undvon 1910 bis 1914 in der Keplerstraße 12. Nach dem Tod des Ehemannes zogen Mutter und Tochter 1919 in die Keplerstraße 27 um, bevor sie 1940 in die Neutorstraße 15- in eines der sechs „Judenhäuser“ in Ulm - umziehen mussten. Im Rahmen der weiteren „Entjudung“ Ulms wurden die Judenhäuser dann 1942 aufgelöst.
Sara Nathan wurde im Alter von 61 Jahren zwei Tage vor Ihrer Mutter am 26. April 1942 über Stuttgart nach Izbica deportiert und ermordet. Das war das letzte Lebenszeichen von Sara Nathan. Ein genauer Todestag ist nicht bekannt. Izbica war ein Durchgangslager zum Weitertransport in Vernichtungslager wie Treblinka oder Majdanek. Sie war unverheiratet und wohnte ein Leben lang bei ihren Eltern. Resi Weglein schreibt als Augenzeugin, dass Deportationen offensichtlich bis zum 65. Lebensjahr nach Izbica, Litzmannstadt, Piaski und Lublin erfolgten. Das könnte erklären, weshalb sie nicht wie die Mutter zunächst in ein jüdisches Altersheim umgesiedelt wurde.
Fanny Nathan wurde am 28. April 1942 in das zu einem jüdischen Altersheim umfunktionierte Schloss Dellmensingen umgesiedelt. Es gehörte zu einer Reihe von jüdischen Zwangsaltenheimen in Württemberg, die auf Anweisung der Gestapo 1941/1942 bewusst als Durchgangsstationen in die Konzentrations- und Vernichtungslager errichtet wurden. Es wurden verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit bewusst in ländlichen Gemeinden leerstehende, baufällige Schlösser gesucht, die über einen Gleisanschluss verfügten, um danach die Deportation durchführen zu können.

Das heruntergekommene und zu diesem Zeitpunkt leer stehende Schloss Dellmensingen befand sich seit 1852 im Besitz der Grafen Reuttner von Weyl. Es wurde mit nur geringem Aufwand provisorisch hergerichtet, da von Anfang an klar war, dass dies nur eine Durchgangsstation war.Die sanitären und räumlichen Bedingungen waren für die alten Leute verheerend. Mehrere Personen mussten sich ein Zimmer teilen und es gab keine Privatheit. Von den ehemals 128 Bewohnerinnen und Bewohnern überlebten nur vier die Befreiung in Theresienstadt. Durch Todesfälle, Umzüge und Deportationen schwankte die Belegung zumeist zwischen 90 und 100 Personen.
Das Dellmensinger Zwangsaltenheim wurde am 19. August 1942 aufgelöst. Die zu diesem Zeitpunkt 101 Bewohnerinnen und Bewohner wurden wenige Tage vorher am 15. August darüber informiert, dass sie sich auf den Abtransport vorbereiten sollten.Die Reichsbahndirektion Stuttgart hatte eigens für die Transporte aus den Zwangsaltenheimen in Württemberg eigene Fahrpläne ausgearbeitet. Auf offenen Lastwagen wurden sie durch den Ort zum Bahnhaltepunkt transportiert. Nur wenige Dinge durften mitgenommen werden. In zwei Gruppen um 13.09 Uhr und 18.28 Uhr wurden die Bewohnerinnen und Bewohner vom Bahnhaltepunkt Dellmensingen mit der Reichsbahn über Ulm nach Stuttgart auf den Killesberg „verschubt“. Am 22. August 1942 startete der Deportationszug vom Stuttgarter Nordbahnhof nach Theresienstadt.Fanny Nathan verstarb dort nur zwei Wochen später am 8. September 1942. In der „Todesfallanzeige“ wurde Lungenentzündung vermerkt.
Quellen
- Stadtarchiv Ulm
- Heinz Keil: Dokumentation über die Verfolgungen der jüdischen Bürger von Ulm/Donau, 1961
- Nachlass Heinz Keil im Stadtarchiv Ulm
- Ingo Bergmann: Und erinnere dich immer an mich - Gedenkbuch für die Ulmer Opfer des Holocaust, Ulm 2009
- Nachlass Ingo Bergmann im Stadtarchiv Ulm
- Resi Weglein: Als Krankenschwester im KZ Theresienstadt, Stuttgart 1988
- Staatsarchiv Ludwigsburg: Familienregister der jüdischen Gemeinde Ulms, Wiedergutmachungsakten
- Michael Koch: Schloss Dellmensingen 1942 – Ein jüdisches Zwangsaltenheim in Württemberg, Laupheim 2020
- Kreisarchiv Alb Donau
- Stadt Niederstotzinmgen
- Adressbücher der Stadt Ulm
Bildrechte: Stadtarchiv Ulm
Autor*in(nen): Bernd Neidhart

